Immer mehr Autos in Deutschland – Experte warnt vor „Verkehrsinfarkt“

Während in wenigen Städten die Zahl der Autos abnimmt, steigt sie bundesweit leicht an. Experten sehen Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern immer mehr als Außenseiter. In welchen Regionen es die größte Autodichte gibt und was ein Mobilitätsexperte für die nächsten Jahre prognostiziert.

 

In Kiel ist die Zahl der gemeldeten Autos im vergangenen Jahr zurückgegangen. „Eine Trendwende?“ titeln die „Kieler Nachrichten“ (KN) optimistisch. Doch die guten Nachrichten sind nur lokal zu verorten – denn in Deutschland insgesamt zeigt sich ein anderes Bild.

 

Bundesweit ist der Bestand an Autos im vergangenen Jahr nämlich leicht gestiegen. Rund 48,8 Millionen Personenkraftwagen waren zum Stichtag 1. Januar 2023 registriert, wie das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) mitteilte. Das waren etwa 0,5 Prozent mehr als zum gleichen Stichtag des Vorjahres. Die meisten davon, rund 10,5 Millionen Autos, waren in Nordrhein-Westfalen gemeldet, die wenigsten mit 299.323 Wagen in Bremen – was auch mit der Bundeslandgröße zusammenhängt.

 

Mit Blick auf die Autodichte in den Regionen Deutschlands liegt die niedersächsische Stadt Wolfsburg ganz vorne – mit durchschnittlich 98 Autos auf 100 Einwohner und Einwohnerinnen. In Berlin hingegen, der Region mit den wenigsten Wagen pro Einwohner und Einwohnerinnen, kommen nur 33 Autos auf 100 Personen.

 

Auch in Schleswig-Holstein, wo Kiel Landeshauptstadt ist, ist die Anzahl der Personenkraftwagen auf 1,7 Millionen gestiegen. Woran es genau liegt, dass in Kiel wiederum das zweite Jahr in Folge ein leichter Rückgang verzeichnet wurde, lässt sich nicht eindeutig erklären. Ein Faktor könnte sein, dass die Menschen in der Stadt wesentlich mehr Alternativen haben als die Menschen auf dem Land. Max Dregelies, baupolitischer Sprecher der SPD-Ratsfraktion in Kiel, sagt den KN außerdem: „Es könnte sein, dass es bei einigen Menschen keine bewusste Entscheidung war, sondern mit der schwierigen wirtschaftlichen Situation zu tun hat.“

 

Auch einige andere Städte können so einen aus Klimaperspektive positiven Trend vorweisen. Auch in Hamburg etwa nahm die Pkw-Dichte laut KN erstmals seit Jahren ab. Der Hamburger Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) werte das als klares Zeichen für die Mobilitätswende. Darauf würden auch die Messungen der Behörde deuten, die einen deutlichen Rückgang des Pkw-Verkehrs von 2019 bis 2022 ergeben hätten.

 

Abkehr vom Auto hat sich noch nicht durchgesetzt

Über die Masse jedoch hat sich die Abkehr vom Auto noch nicht durchgesetzt. Das beobachtet auch der unabhängige Mobilitätsexperte Hans-Peter Kleebinder, der unter anderem Managing Director des Executive Programms „Smart Mobility Management driven by Smart Cities & Smart Data“ an der Universität St. Gallen sowie wissenschaftlicher Fachbeirat im Bundesverband eMobilität ist. „Deutschland hat in Europa immer mehr eine Sonderrolle in der Verkehrspolitik“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) und bezeichnet die Bundesrepublik in der Hinsicht als „Geisterfahrer“.

 

Sehr viele Menschen hätten ihr eigenes Auto, diese würden aber nicht intelligent genutzt. Der Experte beruft sich unter anderem auf Berechnungen der Universität St. Gallen, nach denen durchschnittlich nur circa 1,4 Menschen in den Fahrzeugen säßen, die gleichzeitig immer größer würden, und diese täglich durchschnittlich nur 50 Minuten nutzten. „Das ist ein Auslastungsgrad von knapp über einem Prozent.“ Er gehe davon aus, dass es in Deutschland täglich mindestens 50 Millionen ungenutzte Plätze in fahrenden Autos gebe. Das könne im Autobereich etwa durch Sharing-Modelle, Mitfahrangebote und Fahrgemeinschaften verbessert werden, sodass die Straßen leerer und die Autos besser ausgelastet würden. Als Vorbild nennt Kleebinder etwa Frankreich, wo die Regierung 150 Millionen Euro zur Verfügung stelle, um Prämien von bis zu 200 Euro für Autofahrer und Autofahrerinnen auszuzahlen, die Mitfahrgelegenheiten anbieten.

 

Dazu komme, so Kleebinder, dass gerade auf dem Land die Menschen immer noch sehr stark abhängig vom Auto seien. „Das Auto ist nach wie vor die dominierende Grundlage unserer heutigen mobilen Gesellschaft“, kritisiert er. Durch das 9-Euro-Ticket und nun das 49-Euro-Ticket gebe es zwar Besserung in Sachen Zugang und Nutzung des öffentlichen Verkehrs, doch „das Thema Schiene ist nach wie vor zu wenig attraktiv in Deutschland“. In anderen Ländern wie etwa der Schweiz und Österreich sei es wesentlich einfacher und komfortabler, mit dem Zug zu reisen. „Im Vergleich spielen wir in Europa als Autoland eine Sonderrolle.“

 

Andere Länder behandelten die Alternativen wie etwa Fahrradfahrer und Fußgängerinnen zum Auto gleichberechtigter, das habe auch viel mit Infrastruktur zu tun, sagt Kleebinder. In der Vergangenheit seien Städte oft autooptimiert gebaut worden. „In anderen Ländern haben wir außerdem nicht diese starke Abhängigkeit von der Autoindustrie, wie sie in Deutschland existiert“, so der Experte weiter. Deutschland sei aktuell noch immer wirtschaftlich stark abhängig von wenigen global sehr erfolgreichen Automobilherstellern und Zulieferbetrieben, die mit der Politik eng verflochten seien.

 

„In anderen Ländern Europas gibt es eine breitere Mobilitätsindustrie, auch was ÖPNV, Schienen und neue Mobilitätsangebote angeht. Da sind wir hinterher.“ Das Schienennetz in Deutschland sei seit 1994 „komplett heruntergewirtschaftet“ worden, kritisiert der Experte weiter. Zudem verweist Kleebinder darauf, dass das Auto in Deutschland immer noch einen großen Wert „kulturellen Wert“ etwa als Statussymbol habe, was in anderen Ländern zum Teil nicht mehr der Fall sei.

 

Ist also davon auszugehen, dass auch in den kommenden Jahren die Zahl der Autos in Deutschland nicht abnehmen wird? „Ohne gute Alternativen zum Auto wird das nicht weniger werden. Jeder muss und will sich von A nach B bewegen, in der Freizeit, zur Arbeit, zum Einkaufen oder zum Arzt. Uns mangelt es einfach an zweckmäßigen Alternativen. Uns droht der tägliche Verkehrsinfarkt“, wird Kleebinder deutlich. Er bemängelt, dass heute gar nicht mehr richtig planbar sei, wie man reise oder pünktlich zur Arbeit komme, weil die Staus immer unberechenbarer würden genauso wie die Zugausfälle und -verspätungen. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel weg von einer autozentrierten Gesellschaft hin zu einer Mobilität, die nachhaltig, sozial gerecht, wirtschaftlich erreichbar und wieder entspannt und freudvoll wird.“

 

Laut Kraftfahrt-Bundesamt hatten bundesweit auch nach wie vor mit rund 45 Millionen Autos die meisten Fahrzeuge noch einen fossilen Antrieb. Allerdings ging der Bestand an Dieselautos und Benzinern um 2,6 Prozent beziehungsweise 1,4 Prozent zurück, wohingegen die Zahl der reinen Elektroautos Anfang des Jahres erstmals die Million überschritt. Um fast 64 Prozent stieg die Zahl der batterieelektrisch betriebenen Pkw damit innerhalb eines Jahres. Das KBA geht davon aus, dass sich künftig die Zahl der Verbrennermotoren schneller reduzieren wird als bislang. Schließlich beträgt das durchschnittliche Alter der Autoflotte in Deutschland zehn Jahre.

 

Doch auch hier sieht Mobilitätsexperte Kleebinder einen falschen Fokus. „Wir diskutieren viel zu viel über eine reine Antriebswende“, sagt er. „Wir brauchen eine ganzheitliche Mobilitätswende – Hand in Hand mit einer umfassenden Energiewende und einer Um- und Neugestaltung unserer Städte.“ Zudem brauche Deutschland eine funktionierende Infrastruktur zwischen Städten und dem ländlichen Raum und eine nachhaltigere, effizientere Auslastung der fast 50 Millionen Autos auf Deutschlands Straßen. „Nachhaltigkeit wird zum wichtigsten Thema – die Währung dafür ist unser persönlicher ökologischer Mobilitäts-Fußabdruck“, ist Kleebinder sich sicher.